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Was tun, wenn ein Patient die kaum bekannte Blutgruppe Bombay hat - Wir stellen uns der Herausforderungen in der Patientenversorgung mit sehr seltenen Blutgruppen.

13.03.2018

Stefanie Fritzsche

Jeden Tag werden weltweit Patienten mit Bluttransfusionen behandelt. Mehrheitlich erfolgt dies im Rahmen von geplanten Operationen und Therapieformen wie beispielsweise bei einer Herz-OP oder im Rahmen einer Krebsbehandlung. Bei jedem dieser Patienten erfolgt im Vorfeld die Bestimmung der Blutgruppe, so dass die voraussichtlich notwendigen Blutpräparate in der Blutgruppe des Patienten vorgehalten werden können. Manchmal muss es auch schnell gehen. Denn auch Verletzte, die nach einem Unfall an ein oder mehreren Körperstellen stark bluten benötigen akut Bluttransfusionen, um den Blutverlust auszugleichen. Aber auch in diesem Fall ist es unerlässlich, dass der Patient eine verträgliche Blutkonserve erhält. In einer Notfallsituation zählt dabei jede Minute. Eine besondere Herausforderung stellen Patienten an uns, wenn sie einer sehr seltenen Blutgruppe angehören wie beispielsweise der Typ Bombay.

 

Insgesamt sind heute 36 Blutgruppen bekannt

Bekommt ein Patient eine Bluttransfusion, müssen die wichtigsten Merkmale von Spender- und Empfängerblut übereinstimmen. Andernfalls kann es zu lebensgefährlichen Komplikationen kommen. Aus diesem Grund wird jede Blutspende auf die Blutgruppe untersucht. Die beiden bekanntesten Blutgruppensysteme sind das ABO-System und das Rhesus-System. Jeder Mensch besitzt ein ganz bestimmtes Blutgruppenmuster, das durch die roten Blutkörperchen (Erythrozyten) bestimmt wird. Aus diesen unterschiedlichen Mustern der Antigene A und B ergeben sich die Blutgruppen A, B, AB und 0, wobei die Blutgruppe AB sowohl das Antigen A als auch das Antigen B besitzt, Blutgruppe 0 dagegen weder Antigen A noch B (0 besitzt das Vorläuferantigen H) Ergänzt wird die Blutgruppe durch den sogenannten Rhesusfaktor, der entweder positiv oder negativ ist. Somit ergeben sich insgesamt acht verschiedene Blutgruppenkombinationen: 0-, 0+, A-, A+, B-, B+, AB- und AB. Neben diesen beiden ABO-Blutgruppensystem und dem Rhesussystem existieren jedoch noch weitere 34 Blutgruppensysteme mit mehr als 340 Antigenen. Auf alle  36 Blutgrupppensysteme zu testen würde eine adäquate Blutversorgung nicht möglich sein.  In Deutschland werden daher die Blutspenden routinemäßig bisher nur auf drei Blutgruppensysteme getestet: das AB0-, das Rhesus- und das Kell-System. Die Antigene dieser drei Blutgruppen führten häufiger zu einer besonders starken Immunantwort, wenn das Blut des Empfängers sie nicht selbst enthält. Bei den übrigen Blutgruppensystemen erfolgt überwiegend keine so starke Immunabwehr.

 

Die Blutgruppe „Bombay“

Anders ist es beim Typ „Bombay“. Bei Menschen mit der Blutgruppe Bombay wird weder die Vorläufersubstanz/antigen “H“ (also  das Antigen der Blutgruppe O), noch  werden die AB Antigene des ABO- Blutgruppensystems gebildet. „Bombay-Patienten“ haben nicht  nur Antikörper gegen die Antigene A  und B, sondern auch gegen H und  somit gegen alle roten Blutkörperchen (Erythrozyten) der  Blutgruppen A, B, AB und O. Sie können daher nur Erythrozyten der  Blutgruppe Bombay (Oh) erhalten, da es sonst zu lebensbedrohlichen Komplikationen kommen könnte. Die Bezeichnungen Bombay beruht auf der Tatsache, dass die allermeisten Menschen mit dieser Blutgruppe in Indien leben. In Europa  kommt auf eine Million Menschen ein einziger Mensch mit der Blutgruppe Typ Bombay. Dies stellt Krankenhäuser und Blutspendedienste vor große Herausforderungen. Was tun, wenn ein Patient mit diesem seltenen Blutgruppentyp beispielsweise mit einer akuten starken Blutung auf Grund eines Verkehrsunfalls behandelt werden muss und mehr als 50 Blutpräparate benötigt? Denn so selten diese Blutgruppe ist, so wenig sind auch Blutspender mit diesem besonderen Merkmal bekannt.

 

Ein aufwändiges Verfahren um die Versorgung jeder Zeit zu gewährleisten

Hier setzt der DRK-Blutspendedienst Baden-Württemberg-Hessen als aktuell nur einer von zwei Blutspendediensten in Deutschland an. Wir stellen uns jeden Tag der Aufgabe die Spenden zur richtigen Zeit auch am richtigen Ort in der richtigen Menge und mit den zum Empfänger passenden Verträglichkeitsmerkmalen bereit zu stellen.  Diese vielfältigen Faktoren machen diese Aufgabe zu einer echten Herausforderung, die wir täglich meistern. Der DRK-Blutspendedienst hält für den Bedarfsfall – auch im akuten – verträgliche Blutpräparate auch in seltenen Blutgruppen vor. Wie das möglich ist, erklärt uns Dr. Christof Weinstock, Leitung der Abteilung Immunhämatologie und Blutgruppenserologie am Institut für Klinische Transfusionsmedizin und Immungenetik Ulm des DRK-Blutspendedienstes. „Spender mit der Blutgruppe Bombay erkennen wir bei unserer täglichen routinemäßigen Blutgruppenbestimmungen aller Blutspenden. Andere Spender von sehr seltenen Blutgruppen sind uns durch gezielte Typisierungsaktionen in früheren Jahren bekannt. Weitere Identifizierungen von seltenen Merkmalen erfolgen durch ein aufwändiges gesondertes Screening“. In Baden-Württemberg und Hessen gibt es derzeit fünf bekannte Spender der Blutgruppe Bombay. Da diese über die beiden Bundesländer verstreut sind, werden diese nur in dringenden Fällen kontaktiert und zu einem bestimmten Zeitpunkt an einen bestimmten Ort einbestellt. „In den übrigen Zeiten spenden diese individuell zu unseren allgemein angeboten Blutspendeterminen. In jedem Fall ist es jedoch wichtig, dass die Spender die Bedeutung ihrer Blutgruppe und ihres Engagement für die Patienten kennen.“, erläutert Weinstock. Ist der Spender bekannt, stellt sich dennoch ein weiteres Problem: Die Haltbarkeit. Der Mediziner verrät uns die Lösung. „Reguläre Blutpräparate (Erythrozytenkonzentrate) sind nur 35 Tage haltbar.  Um relativ zeitnah kompatible Erythrozytenkonzentrate bereitstellen zu können, unterziehen wir diese besonderen Präparaten dem sehr aufwändigen Verfahren der Kryokonservierung.“, erklärt Weinstock und weiter „Bei der Lagerung bei 4 °C verlangsamt sich der Stoffwechsel, aber Alterungsprozesse gehen trotzdem weiter. Im flüssigen Stickstoff bei -196 °C altern die Zellen nicht mehr.  Das bedeutet, wir tiefkühlen die Blutpräparate. Beim Einfrieren jedoch würden die Zellen platzen. Dies verhindern wir durch die Zugabe von  Glycerol, einem pharmazeutischen Hilfsstoff. Mit dieser Methode ist eine Haltbarkeit von 10 Jahren und länger möglich.“ Der Vorgang ist sehr aufwändig, die Lagerung dieser Produkte ist sehr teuer und zudem benötigt das Auftauen der Blutpräparate mindestens fünf Stunden, danach ist eine Haltbarkeit von bis zu 24 Stunden gegeben.  Dies ist auch gleich die Antwort auf die Frage, warum man nicht generell für die großflächige Versorgung die Blutpräparate in der Haltbarkeit verlängert und so die drohenden Engpässe bei Feiertagen oder in Ferienzeiten abfangen kann. In Deutschland werden diese sogenannten kryokonservierten Erythrozytenkonzentrate nur an zwei Orten von zwei Blutspendediensten vorgehalten. Neben dem DRK-Blutspendedienst Baden-Württemberg-Hessen mit dem Standort Ulm bietet auch der DRK-Blutspendedienst West am Standort Hagen diese seltenen Blutpräparate an.

Auch wenn die Versorgung im geplanten wie auch akuten Notfall von Patienten mit einer sehr selten Blutgruppe eine große Herausforderung darstellt, kann Dr. Weinstock versichern „In den vergangen sieben Jahren konnten wir alle Patienten mit jedweder Konstellation voll versorgen.“ Gleichzeitig bleibt jedoch die Sorge ob dies auch in Zukunft so erfolgen kann. „Denn insgesamt sind natürlich nur wenige Präparate eingefroren von seltene Typen, bei denen die  Spender fehlen, wie beispielsweise die Gruppe Bombay“, gibt der Experte zu bedenken. 

 

Weltweites Netzwerk sichert die langfristige Versorgung

Neben der Identifizierung der Blutspender, der Betreuung, der aufwändigen Diagnostik und Bereitstellung der Blutprodukte koordiniert der DRK-Blutspendedienst Baden-Württemberg-Hessen auch die Arbeitsgruppe "Seltene Blutgruppen" der Deutschen Gesellschaft für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie (DGTI) für die drei deutschsprachigen Länder und ist Mitglied in der "Rare Donor Working Party" der International Society of Blood Transfusion (ISBT).  Damit gewährleisten wir nicht nur die deutschlandweite Versorgung sondern ermöglichen die Suche auch im internationalen Kontext für die notfallmäßige Versorgung.

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